Die Weber-Gesellschaft tagt in der Fachwerk-Stadt Quedlinburg vom 31. Oktober bis 2. November 2025
Stimmungsvoll, mit Spinnweben-Deko und Gespenstern in den Schaufenstern, so präsentierte sich das Fachwerk-Idyll des mittelalterlichen Städtchens Quedlinburg im Harz: das Treffen der Internationalen Carl Maria von Weber-Gesellschaft fiel 2025 auf das Halloween-Wochenende.
Vor gut 200 Jahren hatte Carl Maria von Weber hier das Musikfest anlässlich des einhundertsten Geburtstags von Friedrich Gottlob Klopstock geleitet – für die Carl-Maria-von-Weber-Gesellschaft wieder ein wunderbarer Anlass, sich an einer weiteren der vielen Wirkungsstätten des Komponisten zu treffen.
1820 und 1824 fanden nämlich – einer allgemeinen Bewegung entsprechend – auch in Quedlinburg zwei Musikfeste im großen Stil statt: das im Sommer 1824 zum hundertsten Geburtstag von Friedrich Gottlob Klopstock, organisiert vom frisch gegründeten Klopstock-Verein. Quedlinburg ist Klopstocks Geburtsstadt, und seinerzeit wurde er als der „größte Dichter der Deutschen“ gefeiert. Zwei Konzerte in der Stiftskirche leitete Weber damals, mit groß besetztem Orchester und großem Chor wie seinerzeit üblich, u.a. mit Beethovens Eroica, Webers Jubel-Ouvertüre und Mozarts Schauspielmusik zu Thamos, König in Ägypten. Am nächsten Tag folgte Musik von Naumann, Schneider und Händel, und schließlich eine abendliche Serenadenmusik im Brühl, einer großen Parkanlage südlich des Schlossberges, wo auch das Klopstock-Denkmal aufgestellt werden sollte. Vom Erlös wollten die Veranstalter ein Klopstock-Denkmal errichten. Und Webers Quedlinburger Engagement war erfolgreich. In zwei Häusern am Markt war im Sommer 1824 zu Gast: im Haus Nr. 12 bei dem Arzt August Ziegler, und in Haus Nr. 2, bei Fabrikant Kranz. Beide Häuser sind heute – von außen – zu sehen.
Soweit der Hintergrund der Tagung 2025, die zunächst mit der Mitgliederversammlung begann. Sie fand unter den wohlwollenden Blicken eines Fürstenpaares im Gemeinderaum der Pfarrkirche St. Nikolai statt u.a. mit einem Bericht über das 25. Festival der Musik der historischen Parkanlagen und Gärten zu Ehren von Carl Maria von Weber in Pokój (ehemals Carlsruhe), und dem schon obligatorischen Vortrag von Frank Zieglers über das Wirken Webers am diesjährigen Tagungsort der Gesellschaft, „Weber in Quedlinburg“. Vorgestellt wurde auch die Planung der Tagung 2026 zu Ehren von Webers 200. Geburtstag in Dresden (28. bis 30. Mai 2026), die außer einem Konzert auch ein Symposion zum Thema „Carl Maria von Weber und das Fremde. Kompositorische Modelle, kulturelle Zuschreibungen – diskusanalytische Perspektiven“ vorsieht.
Martin Krieg stellte in diesem Zusammenhang „die Kampagne“ vor, die seit November: auf social media (Instagram, Facebook, und LinkedIn) läuft. Beginnend an Webers Geburtstag am 18. November bis zum 200 Todestag am 5. Juni 2026 gibt es 200 tagesaktuelle informative wie unterhaltsame Informationen und Anekdoten über Weber, die auf den Komponisten und nicht zuletzt auf die Tagung 2026 in Dresden neugierig machen sollen.
Das anschließende „gesellige Beisammensein“ führte mitten in die Altstadt, in die Münzenberger Klause, die gegenüber dem Denkmal von Johann Christian GutsMuths (1759–1839) liegt, einer bemerkenswerten Persönlichkeit Quedlinburgs. Er gilt als Begründer des Schulsports, entwickelte eine menschfreundliche Pädagogik für kreative Leibesertüchtigung und ist damit der Vorläufer des (leider) weit berühmteren Turnvater Jahn.
Gute Kondition war dann am nächsten Tag gefragt bei der lebendigen wie informativen Stadtführung, die mit einem anschaulichen Grundkurs zur Geschichte der Fachwerkarchitektur begann. Die Baugeschichte hat sie vorbildlich angelegt am Marktkirchhof, an dem auch das Stadtpfeiferhaus steht. Über 2000 Fachwerkhäuser aus acht Jahrhunderten gibt es in der historischen Altstadt mit ihren kopfsteingepflasterten Straßen, verwinkelten Gassen und kleinen Plätzen. So ist es nur folgerichtig, dass die Altstadt Quedlinburgs 1994 zum UNESCO-Welterbe erklärt wurde.
Ein wichtiges Stück Fachwerkgeschichte ist auch der imposante gotische Hochständerbau um 1400, heute ein Fachwerkmuseum, der die ursprüngliche, im Mittelalter gebräuchliche Fachwerkbauweise wiedergibt. Sie wurde Ende des Mittelalters, ab dem 16. Jahrhundert durch die dann gebräuchlichere Stockwerkbauweise abgelöst.
Am Markt liegt das prächtige Renaissance-Rathaus mit der Roland-Statue. Mit seiner Größe ist er zwar der zweitkleinste bekannte Roland, sieht auf einem Sockel aber doch ganz zünftig aus. Auch von dem Hund Quedel hörte man, der maßgeblich für die Findung des Namens Quedlinburg verantwortlich war, und der es immerhin in das Stadtwappen vor dem Rathaus geschafft hat.
Nach diesem „Stadtbummel“ ging es hinauf auf den Burgberg, der weit im Land sichtbar ist und die Silhouette Quedlinburgs prägt. Für seine Geschichte mit der Stiftskirche und der Stadt Quedlinburg stehen die Ottonen, eine Herrscherdynastie, die von 919 bis 1024 das Heilige Römische Reich regierte. Sie festigten die königliche Macht, stärkten die Kirche und prägten eine wichtige kulturelle Blütezeit, die sogenannte Ottonische Renaissance. Und mit ihnen waren es vor allem zwei Frauen, die die Stadtgeschichte prägten: Mathilde die Ältere (um 895–968), als Ehefrau Heinrichs I. war sie die erste sächsische Königin und Mutter Kaiser Ottos des Großen. Sie regte die Gründung eines adeligen Kanonissenstifts an, das dann von ihrem Sohn Otto I. auf dem Burgberg von Quedlinburg gegründet wurde: als Austragungsort der Reichstage und mit einem ausgeprägte Reliquienkult wurde der Stift zur Zelle des politischen und kulturellen Lebens der Stadt: vor dem Hauptaltar wurde König Heinrich I. beigesetzt, später der Heilige Servatius, dessen Name der Kirche ihren Namen gab. Und in der romanischen Krypta liegen noch die Gräber vieler Äbtissinnen, die den Stift geleitet hatten.
Eine komplizierte Baugeschichte folgte, bis dann in den dreißiger Jahren die Nationalsozialisten die Stiftskirche okkupierten. Anlässlich des tausendjährigen Todestags Heinrichs I. übernahmen und entweihten sie 1936 die Kirche für ihre Zwecke und verwandelten sie in eine NS-Kultstätte. Dazu wurde im Rahmen eines Staatsakts am 2. Juli 1936 gegen den vergeblichen Widerstand der Gemeinde zunächst Kruzifixe in der Kirche abgehängt und die Bibel vom Altar entfernt. 1938 übernahm die SS die Kirche um sie als „Weihestätte“ zu nutzen. – Dies das dunkle Kapitel der Stiftskirche St. Servatius.
Wer nach dieser intensiven Stadtführung und der Dichte der historischen Informationen noch Zeit und Muße hatte, vertrat sich die Füße auf dem Schlossberg mit seinen fantasievoll gestalteten Anlagen und dem herrlichen Blick auf die Fachwerkstadt, den Abteigarten und den Brühlpark. Dieser letzte Teil der Stadtführung mit dem Aufstieg auf den Schlossberg hätte dem Turnpädagogen Johann Christian GutsMuths übrigens sicherlich besonders gefallen.
Zurück in der Altstadt konnte man sich erholen, durch die Gassen schlendern oder einen Kaffee trinken, zum Beispiel im „Café zum Roland“, dem sogenannten „7-Häuser-Café“: ein schmales dreigeschossiges Fachwerkhaus mit einem markanten schmalen Giebel. Das Erdgeschoss und das erste Obergeschoss stammen aus der Zeit um 1600. Und wirklich ist hier ein Café untergebracht. Die Räume – eine Kreuzung aus Puppenstube, Séparée und Eisenbahnabteil – gehen ineinander über. Das ist in Quedlinburg noch eine besondere Attraktion aus Fachwerk.
Abends folgte dann ein grandioses Konzert, wiederum in der Nikolaikirche mit ihren markanten Türmen. Der Chor der evangelischen Hochschule für Kirchenmusik Halle sang, die Staatskapelle Halle spielte unter der Leitung von Peter Kopp. Auf dem Programm standen Webers sogenannte Freischütz-Messe sowie die Grande Ouverture à plusieurs instruments (die umgearbeitete Ouvertüre zu Webers Jugendoper Peter Schmoll und seine Nachbarn) und die selten gespielte Fest-Kantate L’Accoglienza, die Weber für eine Hochzeit am sächsischen Hof komponierte. Wir erlebten eine großartige Aufführung in der gut gefüllten Kirche, und vor allem: grandiose Solistinnen und Solisten! Romy Petrick (Sopran), Sophia Maeno (Mezzosopran), Christopher Renz (Tenor) und Jussi Juola (Bass) boten ein stimmlich wunderbar harmonierendes Ensemble und sangen die extrem anspruchsvollen Partien der Kantate und der Messe mit großer Wärme und Bravour! Ein ganz besonderer Genuss! Ein abendliches geselliges (und kulinarisches!) Beisammensein im Ratskeller beendete diesen intensiven und abwechslungsreichen Tag.
Am Sonntagvormittagfolgte schließlich eine Führung im Geburtshaus von Friedrich Gottlieb Klopstock (1724–1803), wiederum ein prächtiges (sehr kleines!) Haus im niedersächsischen Fachwerk-Stil, original eingerichtet nach alten Plänen. Hier wurde der Dichter der Empfindsamkeit geboren, dessen Handschriften, Faksimiles und Bilder sowie zeitgenössische Abbildungen auf engstem Raum ausgestellt sind. Klopstock – der „große Odendichter, der erste der Barden Deutschlands“, so wurde er anlässlich seines einhundertsten Geburtstag 1824 beschrieben. Er war der Erste, der mit seinem Messias Hexameter in der deutschen Dichtung verwendete. Und seine Auseinandersetzung mit dem „deutschen Hexameter“, wie er es nannte, führte zu seiner Lehre vom Wortfuß. Dies bereitete den Weg für freie Rhythmen, wie sie dann beispielsweise Goethe und Hölderlin nutzten.
Ebenfalls im Klopstockhaus untergebracht sind Zeugnisse zweier weiterer berühmter Persönlichkeit der Stadt: Dorothea Christiane Erxleben (1715–1762), Ehefrau des Johann Christian Erxleben, der als Pastor an der Nikolaikirche wirkte. Dorothea war die erste promovierte deutsche Ärztin. Als Pionierin des Frauenstudiums im deutschen Sprachraum durfte sie nämlich 1754 unter Sonderbedingungen in Halle ihre Promotion ablegen.
Und hier war auch er noch einmal präsent: Johann Christoph Friedrich GutsMuths (1759–1839), dessen Leben in Zeugnissen, Handschriften und Bildern in einem eigenen Raum zu bewundern war: als „Wegbereiter“ der Leibeserziehung in Deutschland war er sozusagen der Erfinder des Sportunterrichts. Und vielen dürfte vor allem seine besondere, besonders zweckmäßige Frisur in Erinnerung geblieben sein – in späteren Jahrhunderten „VoKuHiLa“ genannt, „vorne kurz, hinten lang“.
Die Nimmermüden besuchten abschließend noch – gestärkt durch den legendären Quedlinburger Käsekuchen – das kleine, feine Museum Lyonel Feininger, das 1986 als Lyonel-Feininger-Galerie gegründet wurde. Damit entstand in der heutigen Welterbestadt Quedlinburg neben Fachwerk-Kultur, Ottonen, Klopstock, GutsMuths und Erxleben mal eben ein international beachtetes Spezialmuseum für die Klassische Moderne, direkt nebenan.
Cornelia Rost-Gervink
