Jahresversammlung Dresden 2026

Bericht über das Mitgliedertreffen in Dresden vom 28. bis 31. Mai 2026

Im Jubiläumsjahr anlässlich des 200. Todestages Carl Maria von Webers stand fest: es muss ein ganz besonderes Mitgliedertreffen werden! Und schnell war vom Vorstand beschlossen, in diesem Jahr wieder in die Stadt zu gehen, in der Weber am längsten und bedeutungsvollsten wirkte: Dresden. Nach den Treffen 1994, 2006 und 2011 war es das vierte Mal, dass die Gesellschaft sich hier versammelte. An Traditionen soll man festhalten: was lag da näher, als wieder ein Symposium in der Hochschule für Musik Dresden zu veranstalten, die Webers Namen trägt. Bei der Organisation und Durchführung des Treffens wurde der Vorstand ideenstiftend und tatkräftig von Dr. Wolfgang Mende, dem Leiter des Instituts für Musikwissenschaft an der Hochschule, unterstützt. Ihm sei an dieser Stelle ausdrücklich Dank gesagt!

Den Auftakt des Treffens am Donnerstagabend bildete der Besuch der Ausstellung im Buchmuseum der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek (SLUB) „Kein Freischütz für Dresden“, die am 3. Februar dieses Jahres eröffnet wurde. Vor einer Führung durch die Ausstellung hielt Herr Mende im Klemperer-Saal der Bibliothek einen Vortrag zum Thema „Sachsentreue“ für einen „Jubelgreis“. Zum prekären historischen Hintergrund von Carl Maria von Webers Jubel-Kantate (1818). Mendes Vortragsthema war insofern besonders gut gewählt, als das Werk, das Weber aus Anlass des 50. Regierungsjubiläums des Königs Friedrich August I. von Sachsen auf einen Text von Friedrich Kind komponierte, nicht nur in der Ausstellung im Autograph präsentiert wurde, sondern mit auf dem Programm des Konzerts am zweiten Tag des Treffens stand. Somit erhielten die anwesenden Gäste eine vortreffliche Konzerteinführung für das selten zu hörende Stück. In Mendes Ausführungen wurden die näheren Umstände der Entstehung der Kantate sowie der politische Kontext, in dem sich das Königreich Sachsen nach den Napoleonischen Kriegen befand, eingehend erläutert. Weiterhin fokussierte sich Herr Mende auf den speziell zum Jubiläum passenden Text des Werkes, der später zur Ernte-Kantate umgedichtet wurde, um die Komposition für weitere Aufführungen nachnutzbar zu machen. Eine dritte Textgestalt erhielt die Kantate noch zu Lebzeiten Webers für eine Aufführung in London.

Nach dem Vortrag führte Prof. Dr. Barbara Wiermann, Leiterin der Abteilung Musik und AV-Medien der SLUB, durch die Ausstellung. Die von Dr. Andrea Hammes kuratierte Schau präsentierte an mehreren Stationen das institutionelle und kompositorische Umfeld, welches Weber während seines Wirkens als Kapellmeister des neu gegründeten „Deutschen Departements“ an der Dresdner Hofoper vorfand. Neben Webers eigenen Werken wurden auch die von ihm aufgeführten Opern anderer Komponisten, bereichert durch Briefe und Dokumente, thematisiert. Die erste Station bildete das Wirken der von Joseph Seconda geleiteten Theatertruppe, die durch die Gründung des Deutschen Departements das Privileg, in Dresden aufzutreten, verlor. Bei der Abschiedsvorstellung am 21. Oktober 1816 wurde ausgerechnet Webers Jugendoper Silvana gespielt. Ein weiteres Thema war die stellenweise spürbare Konkurrenz zwischen deutscher und italienischer Oper, vor allem zu Webers Amtskollegen, Franscesco Morlacchi. Von Morlacchi waren in der Ausstellung dessen autographe Partitur seiner Oper La Semplicetta di Pirna, 1817 in Dresden aufgeführt, sowie ein äußerst umfangreiches Verzeichnis seiner sakralen Werke zu bewundern. Zur Oper La Fedeltà alla Prova von Webers Kompositionsschülerin Amalie von Sachsen konnte man das Aufführungsmaterial mit Eintragungen und Ergänzungen des Lehrers studieren. Außerdem wurde der Frage nachgegangen, warum ausgerechnet Webers eigene Opern nicht in Dresden uraufgeführt wurden. Vom Freischütz z. B. besitzt die SLUB lediglich den Theaterzettel zur Aufführung am 26. Januar 1822, da sämtliches Aufführungsmaterial verschollen ist. Dafür kann die Bibliothek aber mit vielen anderen autographen Handschriften punkten, die würdevoll präsentiert wurden: autographe Partituren zur Jubel-Kantate, zu seinem Triolett (nach Karl Förster) sowie Echo und Kuss (nach Friedrich Kind) von 1821 und zur Euryanthe, die am 31. März 1824 in Dresden erstaufgeführt wurde. Bestandteil der ausgestellten Partitur ist der für die Berliner Aufführung im Dezember 1825 nachkomponierte „Pas de cinq“. Eine Vitrine widmete sich abschließend der Weber-Rezeption in Dresden, z. B. mit dem Programmheft zur Wiedereröffnung der Semperoper am 13. Februar 1985 mit dem Freischütz.

Spielerisch umgesetzte Anschauungsmaterialien zur Sitzordnung bzw. dem Instrumentarium des Orchesters zu Webers Zeiten und zwei Hörstationen, an denen ausgewählte Aufnahmen von Webers Opern Abu Hassan, Freischütz, Euryanthe und Oberon und der Jubelouvertüre angehört werden konnten, rundeten die Ausstellung ab. Es wurden nicht nur Objekte aus der SLUB, sondern auch Exponate der Staatsbibliothek zu Berlin, des Stadtmuseums Dresden, der Sächsischen Staatsoper, der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden sowie aus Privatbesitz gezeigt.

Nach der Mitgliederversammlung am Freitagvormittag, die im Kleinen Saal der Hochschule für Musik stattfand, schloss sich am Nachmittag ebendort das Symposium „Carl Maria von Weber und das Fremde“ an; hierzu folgt demnächst und an dieser Stelle ein Bericht von Steffen Astheimer.

Am Freitagabend erwartete die Mitglieder ein „chorsinfonischer Konzertabend zum 200. Todestag Carl Maria von Webers“ im Konzertsaal der Hochschule für Musik. Auf dem mit „Lichtblitze“ betitelten musikalischen Programm standen mehr oder weniger Kantaten, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Den Rahmen des Stücke-Reigens bildeten zwei Werke Webers, zum einen Der Erste Ton von 1808, in dem er sich der Kantatenform melodramatisch, d. h. mittels musikalischer Deklamation, annäherte. Den Text seiner Kantate, in dem die Schöpfung durch den Ton ihren Sinn erhält, dichtete Friedrich Rochlitz. Der Sprecherpart wurde hier, gemäß der biblischen Schöpfungsgeschichte, auf zwei Rollen, nämlich Adam und Eva, verteilt. Zum anderen die das Konzert abschließende Huldigungsmusik, die Jubel-Kantate, von der es bisher weder eine offizielle Einspielung noch einen greifbaren Mitschnitt gibt. Als Gegensatz fungierten zwei in Zwölftontechnik gesetzte, expressive Stücke von Anton Webern auf Texte von Hildegard Jone: dessen 1. Kantate op. 29, die sich ebenfalls mit Schöpfungsgedanken beschäftigt, der Verbindung von Licht und Ton, sowie die Kantate Das Augenlicht op. 26. Mittelpunkt des Konzerts war die Uraufführung von Stefan Behrischs Europa für zwei Solisten, Chor und Orchester. Behrisch, Dirigent, Arrangeur und Musikproduzent sowie Professor für Komposition an der Hochschule Dresden, vertonte in seinem eigens für das Jubiläumskonzert entstandenen Werk, das Harmonien und Klänge aus Moderne, Jazz, Filmmusik und Pop miteinander kombiniert, Texte europäischer Geistesgeschichte aus sieben Jahrhunderten, u. a. von Francesco Petrarca, Blaise Pascal, Gottfried Wilhelm Leibnitz, Victor Hugo und William Wordsworth. Das Konzert, das von Studierenden der Hochschule engagiert bestritten wurde und das Publikum begeistert entließ, leitete Prof. Ekkehard Klemm, der bis 2024 Professor der Hochschule und seit fast zehn Jahren Chefdirigent der Elbland Philharmonie Sachsen ist.

Zum geselligen Beisammensein trafen sich die Mitglieder am Samstagabend in dem der Hochschule nahe gelegenen Schießhaus, in – wie könnte es passender sein – der sogenannten „Freischützstube“.

Den Sonntagvormittag verbrachte die Gesellschaft im Kügelgenhaus in der Neustadt. Dr. Romy Donath, Leiterin des Kügelgenhauses, begrüßte die Mitglieder im Museum der Dresdner Romantik, der einstigen Wohnung des Malers Gerhard von Kügelgen. Der Rheinländer Kügelgen kam 1805 nach Dresden, wo er Mitglied der Kunstakademie wurde und Historienmalerei unterrichtete. 1808 bezog er mit seiner Familie das Haus „Gottessegen“, in dem er nicht nur wohnte, sondern auch in seinem Atelier arbeitete. Neben Caspar David Friedrich und Johann Wolfgang von Goethe, gehörte auch Weber zu den Gästen des Hausherrn, der 1820 bei einem Raubüberfall tödlich verletzt wurde, was die Dresdner Bevölkerung (inkl. Weber) schockierte. In den wunderschönen Räumlichkeiten mit bemalten Holzdecken aus dem 17. Jahrhundert sind auch Objekte aus dem 1945 zerstörten Körner-Museum ausgestellt.

Am 28. März wurde hier die Ausstellung „Wo Schatten wohnen. E.T. A. Hoffmann, Carl Maria von Weber und das Dunkle in der Romantik“ eröffnet. Da sich 2026 Hoffmanns 250. Geburtstag jährt, lag es nahe, zwei „Fliegen mit einer Klappe“ zu schlagen und beide Jubilare gemeinsam in einer Sonderausstellung zu ehren, zwischen denen es durchaus Berührungspunkte gab. Wie Weber war auch Hoffmann ein „Multitalent“. Als Sohn einen Juristen schlug er ebenso diese Laufbahn ein, beschäftigte sich aber parallel immer wieder mit den Künsten: komponierte, malte und dichtete. 1811 begegneten sich Weber und Hoffmann in Bamberg und blieben daraufhin in Verbindung. Drei Jahre bevor Weber in Dresden sesshaft wurde, hatte Hoffmann hier als Musikdirektor der Gesellschaft von Joseph Seconda gewirkt, ging anschließend jedoch frustriert nach Berlin in den Staatsdienst zurück. Seine 1816 in Berlin uraufgeführte Oper Undine wurde von Weber positiv in der Allgemeinen musikalischen Zeitung besprochen. Die von Weber erhoffte Besprechung Hoffmanns zu seinem Freischütz blieb dieser schuldig.

Themen wie z. B. Hoffmanns Dresdner Werke, Weber/Hoffmann und die Frauen, Krankheiten und Tod sowie Hoffmann-Rezeption in der DDR wurden mittels großformatig aufgestellter bzw. aufgehängter Bildtafeln und einzelner Stationen, die über die Räume verteilt waren, vorgestellt. Eigens für die Ausstellung entstand ein großformatiges Triptychon zur Wolfsschluchtszene von Sophia Maeno, zeitweise mit akustischer Untermalung (dem Kugelgießen) erlebbar.

Im Anschluss an die Besichtigung der Ausstellung folgte ein Kammermusikkonzert, das man nicht so schnell vergessen wird. Auf dem Hammerflügel im Salon des Kügelgenhauses interpretierte der junge in Südkorea geborene, in Österreich aufgewachsene und am Mozarteum in Salzburg ausgebildete Pianist Hyeonjun Jo Webers 2. und 3. Klaviersonate. Er spielte zwar nicht auf dem Instrument, das Weber einst anlässlich des Geburtstages von Kügelgen am 6. Februar 1817 vorfand, aber es handelt sich um ein etwa zeitgenössisches Instrument von Johann Götting (Wien, ca. 1830) aus Privatbesitz, das vor vier Jahren von dem Klavier- und Cembalobauer Matthias Arens restauriert wurde und inzwischen vom Dresdner Stadtmuseum für Konzerte im Kügelgenhaus erworben werden konnte. Jo, der die Weberschen Sonaten, wie er vor seiner Darbietung erläuterte, zwar „aus Interesse“ einstudiert hätte, sie inzwischen aber „aus Überzeugung“ spiele, beeindruckte alle Zuhörer nicht nur mit brillanter Virtuosität, sondern auch lyrischer Eleganz und erntete nach seiner Darbietung begeisterte Bravo-Rufe. Carl Maria von Weber blickte wohlwollend aus dem (ebenfalls frisch restaurierten) Porträt von Ferdinand Schimon, das an der Wand direkt hinter dem Flügel hing, herab.

Einige Mitglieder nutzten die Gelegenheit, vor, nach oder in den großzügig bemessenen Pausen des Treffens individuell zu Webers Grab auf dem Alten Katholischen Friedhof zu pilgern. Die Grabstätte wurde von der städtischen Friedhofspflege zum Jubiläumsjahr generalüberholt und mit neuer Bepflanzung versehen, was einer Spendenaktion zu verdanken ist. Ein Aufsteller am Eingang des Friedhofs macht Besucher derzeit auf Webers Grab gezielt aufmerksam.

Einen Wermutstropfen hatte das ansonsten gelungene Wochenende: Es war das erste Treffen der Gesellschaft in Dresden, das ohne einen Besuch in Webers geliebtem Sommerhaus in Hosterwitz stattfand. Das um 1665 erbaute Gebäude, das zu den ältesten erhaltenen Fachwerkhäusern Dresdens gehört und in dem sich seit 1957 das Carl-Maria-von-Weber-Museum befindet, ist nun schon länger geschlossen und harrt seiner Renovierung. Anfangs war noch ein Baustellenbesuch am Sonntagnachmittag vorgesehen gewesen, der aber aus organisatorischen Gründen abgesagt werden musste. Die Kosten für die geplante denkmalgerechte Instandsetzung sind noch längst nicht gedeckt, im Moment läuft ein Spendenaufruf, dem hoffentlich Erfolg beschieden ist, damit das Museum bald wieder Besucher empfangen kann.

Solveig Schreiter