Baden-Baden 2019

„Mein Gott wie kann man von etwas anderm sprechen, als von Baaden“

Bericht über das Mitgliedertreffen 2019

 

Auf Anregung unseres Mitglieds, Frau Dr. Bärbel Pelker, Vizepräsidentin der Gesellschaft für Musikgeschichte in Baden-Württemberg e.V., veranstaltete die Weber-Gesellschaft ihr Mitgliedertreffen vom 6. bis 8. September 2019 in Baden-Baden.
Herrn Dr. Joachim Draheim aus Karlsruhe, ebenfalls Mitglied, haben wir es zu verdanken, dass dieser Aufenthalt für alle Teilnehmenden in unvergesslicher Erinnerung bleiben wird. Bereits weit im Vorfeld hatte er den Ablauf für das Wochenende geplant, der eine ausgewogene Mischung aus Sightseeing, historischen Informationen, kulinarischen Erlebnissen und vor allem viel Musik versprach.
Den bereits Freitagabend angereisten Mitgliedern bot sich die Gelegenheit, sich in kleinerer Runde im Restaurant „Sterntaler“ des Hotels Merkur, in dem die meisten auch untergebracht waren, zusammenzufinden und sich bei exzellentem badischem Wein auf das Treffen einzustimmen.

Das offizielle Programm startete dann am Samstagvormittag mit einem Rundgang, bei dem uns Herr Draheim durchs Zentrum der Stadt führte.
Baden(-Baden), am Westrand des nördlichen Schwarzwaldes gelegen, dessen heiße Quellen schon von den Römern genutzt und geschätzt wurden, entwickelte sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zu einem mondänen Kurort, der sogenannten „Sommerhauptstadt Europas“, und zog sowohl Adelige und Wohlhabende als auch Künstler aus aller Welt an.
Als Carl Maria von Weber, selbst der Meinung „Wenn denn die ganze Welt nach Baaden geht […], so kannst du ja auch deinen Wanderstab dahin richten“, sich im Sommer 1810 einige Tage hier in der Gegend aufhielt, war das Stadtbild freilich noch ein anderes und nicht von den imposanten Bauten geprägt, die wir in den folgenden zwei Stunden besichtigten.
Ausgehend von dem am Goetheplatz befindlichen Theater (heute hauptsächlich Schauspielhaus), nach Plänen von Charles Couteau im französischen Stil errichtet, welches im August 1862 gleich doppelt eingeweiht wurde – der deutschen Eröffnung mit Conradin Kreutzers Das Nachtlager in Granada folgte drei Tage später die französische mit Béatrice et Bénédict von Hector Berlioz -, führte unser Weg weiter zum benachbarten Kurhaus.
Das Gebäude wird durch den 1821-1823 errichteten Mittelbau mit seiner von acht korinthischen Säulen getragenen Vorhalle dominiert, ein Hauptwerk des Architekten Friedrich Weinbrenner (den Weber erst 1817 in Dresden kennen lernte), mit dem „großen Kursaal“ (Weinbrennersaal), der, mit funkelnden Kristalllüstern geschmückt, heute für gesellschaftliche Veranstaltungen und Konzerte genutzt wird. Zum Ensemble gehören außerdem der rechte Seitenflügel (1853-1854 ausgebaut) mit dem Eingang in die weltberühmte Spielbank, das Casino, dessen prunkvolle Säle im Stil französischer Königsschlösser des 17. und 18. Jahrhunderts ausgestattet sind, die 1864 von Carl Dernfeld nach dem Vorbild Pariser Einkaufspassagen entworfenen Kurhauskolonnaden, und der linke Seitenflügel, 1912-1917 nach Plänen von Oberbaurat August Stürzenacker gebaut, in dem sich die Empfangshalle, die beeindruckende Treppe in das erste Obergeschoss, Restaurants und prächtig ausgestattete Gesellschaftsräume befinden. Von Stürzenacker stammt auch die gegenüberliegende, 1912 in Jugendstilformen errichtete Konzertmuschel, die den bis dahin bestehenden gusseisernen Musikpavillon ersetzte.
Weiter ging es zur Trinkhalle von Heinrich Hübsch, einem Schüler Friedrich Weinbrenners, 1839-1842 erbaut, im Kurgarten rechterhand des Kurhauses liegend, deren 16 korinthische Säulen eine 90 Meter lange, offene Wandelhalle, stützen, in welcher die Gäste 14 Wandbilder von Jakob Götzenberger, einem Zeitgenossen Moritz von Schwinds, mit Szenen aus Mythen und Sagen der Umgebung betrachten können.
Unser Weg führte uns dann über Kaiserallee und Lange Straße entlang der durch Baden-Baden fließenden Oos bis zum Festspielhaus, dem Opern- und Konzerthaus der Stadt, das mit seinen 2500 Zuschauerplätzen als Deutschlands größtes derartiges Haus gilt. Für dessen Neubau von Wilhelm Holzbauer, am 18. April 1998 eröffnet, wurde der ehemalige, bereits 1977 stillgelegte Stadtbahnhof mit dessen prächtigem Empfangsgebäude im Stil der Neorenaissance von 1892-94 architektonisch integriert.
Während unseres Rundgangs kamen wir auch am Hotel Badischer Hof vorüber, 1807-1809 durch Friedrich Weinbrenner aus einem alten Kapuzinerkloster umgebaut und erstes Luxushotel Badens, in welchem Carl Maria von Weber am 20. Juli 1810 abgestiegen war.
Über dessen Aufenthalt wurden die Mitglieder der Gesellschaft am Samstagnachmittag, nach bereits absolvierter Mitgliederversammlung und Kaffeetrinken, das unser Schatzmeister Alfred Haack anlässlich seines 70. Geburtstages spendierte, im Vortrag von Frank Ziegler im Tagungssaal des Hotels Merkur bestens informiert.
Den im Februar des Jahres 1810 aus Württemberg verwiesenen hochverschuldeten Weber zog es u. a. auch in das Kurbad (wo Halbbruder Fridolin von Weber bei der Schauspielgesellschaft von Georg Dengler wirkte), weil er hier erfolgreich Konzert zu geben hoffte. Das Empfehlungsschreiben seines Lehrers Abt Vogler verschaffte ihm zwar Audienz beim Kronprinz Ludwig I., späterer König von Bayern, aber nicht das erhoffte Konzert, was nicht zuletzt an einem geeigneten Instrument scheiterte. Immerhin ergaben sich viele Begegnungen mit bedeutenden Persönlichkeiten, u. a. dem Schriftsteller Ludwig Tieck sowie dem Kaumann und Bankier Jean-Jacques Baron d’Hogguer. Mit dem Stuttgarter Verleger Johann Friedrich Cotta verhandelte er hier wegen seines schließlich Fragment gebliebenen Romans Tonkünstlers Leben, für dessen Morgenblatt für gebildete Stände schrieb er einen kurze Zeit später veröffentlichten Bericht über Baden-Baden.
„Die Anzahl der Badegäste ist so groß, daß sie sich in kleinere Partien theilen muß, die nun wieder eine Art von geschlossenem Zirkel bilden, zwischen denen sich der Neuangekommene ganz allein sieht, und welchen er sich nur nach längerer Zeit anschließen kann.“ und „Das Hauptübel besteht nun wol darin, daß kein eigentlicher Vereinigungspunkt der Gesellschaft vorhanden ist […]“, resümierte Weber in diesem Zeitungsbericht (das Weinbrennersche Kurhaus gab es ja noch nicht, an dessen Stelle existierte ein 1766 erbautes Promenadenhaus). Der Denglerschen Schauspielgesellschaft bescheinigte er „einige recht brave Mitglieder“, das Theater beschrieb er als ein „aus ein Paar Bretern [sic!] dünn zusammengeheftetes Häuschen“, da es zu seiner Zeit nur einen maroden Vorgängerbau des späteren Theaters gab.
Abschließend konstatierte Weber „Was dieses unendlich überwiegt und Baden immer zum ersten Range der Bäder und zu einem ewig besuchten Orte machen wird – ist die einzig schöne Natur, von der es umgeben ist. Ich kenne manches Bad, aber noch nirgends habe ich so mannigfaltige Gegenden um einen Ort vereinigt gefunden. Freundliche und erhabene Aussichten, Berge und Felsen auf der einen, liebliche Ebenen auf der andern Seite, die Nähe des herrlichen Murgthals etc., alles dieses sind unvergängliche Vorzüge, haben Baden schon den Römern werth gemacht, und werden es auch jetzt und ewig den Galliern und Germanen theuer erhalten.“

Nach dem Vortrag machte sich die Gesellschaft (wieder unter Führung Herrn Draheims) auf, um mit dem Bus zum Brahms-Haus in Baden-Baden Lichtental zu fahren. Unterwegs erfolgte ein kurzer Zwischenstopp an Clara Schumanns ehemaligem Domizil. Sie hatte sich mit Hilfe ihrer Freundin, der berühmten Sängerin Pauline Viardot, von der Advokatenwitwe Becker ein Häuschen an der Lichtentaler Allee (heute Hauptstr. 8, früher Haus Lichtenthal Nr. 14), gekauft, wo sie von 1863 bis 1873 mit ihrer Familie wohnte. An dem heute in Privatbesitz befindlichen Haus erinnert eine 1959 von der Frankfurter Robert-Schumann-Gesellschaft gestiftete Gedenktafel an ihren Aufenthalt.
Bei derselben Vermieterin kam auch Johannes Brahms unter: In der Mansarde eines auf einem Felsen erbauten schindelgedeckten Hauses im Stil des 19. Jahrhunderts (früher Lichtenthal Nr. 8, heute Maximilianstr. 85) verbrachte der Komponist in den Jahren 1865-1874 die Sommermonate. Grundstück und Gebäude befinden sich im originalen Zustand und beherbergen jetzt ein Museum, in dessen Ausstellungsräumen Exponate, Autographen, Dokumente und Fotos aus dem Leben von Brahms und Clara Schumann gezeigt werden. Das Haus wurde 1967 von der Brahmsgesellschaft Baden-Baden e. V. erworben und instandgesetzt.
Im Studio des Brahms-Hauses gelangten die Mitglieder während ihres Besuches in den Genuss eines extra für sie veranstalteten kleinen Konzertes mit Liedern und Werken für Klavier zu vier Händen von Carl Maria von Weber, Robert und Clara Schumann, Pauline Viardot und natürlich Brahms. Interpretiert wurde das Programm von Alma Unseld (Sopran) und Georg Schäfer (Klavier), beides noch Schüler, aber bereits als Klavierlied-Duo Bundespreisträger bei „Jugend musiziert“, und Joachim Draheim, der moderierte und auch Klavier spielte.
Danach ging es mit dem Bus zurück in die Innenstadt, wo die Gesellschaft beim geselligen Beisammensein in den „Prager Stuben“ (im Hotel „Am Friedrichsbad“) mit kulinarischen Köstlichkeiten der böhmischen Küche den Abend ausklingen lassen konnte.

Den krönenden Abschluss des Mitgliedertreffens bildete das von Herrn Draheim in Zusammenarbeit mit der Webergesellschaft, dem Schuncke-Archiv und der Gesellschaft für Musikgeschichte in Baden-Württemberg organisierte und von seiner eigenen Stiftung „pro musica et musicis“ mitfinanzierte Sonderkonzert im Alten Ratssaal des Rathauses am Marktplatz am Sonntagvormittag. Unter dem Titel „Carl Maria von Weber in (Baden-)Baden“ widmete sich die Matinee fast ausschließlich Kompositionen von Weber in einem abwechslungsreichen stimmungsvollen Programm, in welches Herr Draheim informativ und unterhaltsam einführte und in dem u. a. Arien und ein Duett aus den Opern Silvana, Abu Hassan und Freischütz sowie Stücke aus Six Pièces op. 10 und die Aufforderung zum Tanz op. 65 in einem Arrangement für Klavier zu vier Händen erklangen. Die Ausführenden waren die Sopranistin Irène Naegelin, der Bariton Claus Temps und die beiden Pianistinnen Heike Bleckmann und Ira Maria Witoschynskyj, die das Auditorium allesamt durch überzeugende Gestaltung und perfekt aufeinander abgestimmtes Zusammenspiel begeisterten.
Wer dann noch Zeit hatte, konnte im Restaurant „Amadeus“ am Leopoldplatz badische Spezialitäten genießen und Webers Einschätzung über Baden-Baden „[…] daß man durchaus sehr gut ißt und trinkt, daß die Gasthöfe bequem, wohlfeil und gut bedient sind“ vor Antritt der Rückreise ein letztes Mal überprüfen.

Solveig Schreiter