Freischütz in Leipzig

„Nichts an diesem Stück ist idyllisch“

Christian von Götz inszeniert an der Oper Leipzig Carl Maria von Webers „Der Freischütz“

In der Oper Leipzig entsteht derzeit ein neuer „Freischütz“. Premiere ist am 4. März, und Regie führt der international gefragte Christian von Götz, 48, der in Leipzig zuletzt 2004 gearbeitet hat. Damals landete er in der MuKo mit Paul Abrahams „Blume von Hawaii“ einen Coup.

Webers „Freischütz“ ist sozusagen der Urknall der romantischen Oper – wie inszeniert man so etwas?

Gar nicht. Ich nehme zwar mit einer gewissen Andacht zur Kenntnis, wie groß der Schritt war, den Weber in die Romantik setzte, und dass ohne den „Freischütz“ vieles von Wagner nicht denkbar wäre. Aber ich inszeniere ja nicht die romantische Oper oder ihre stilistische Entwicklung, sondern ein spezifisches Werk – und an dem interessiert mich nicht so sehr, wie es sich zur Romantik verhält.

Sondern?

Dass es viel mit unserer Welt zu tun hat – und mit mir.

Mit Ihnen?

Ja! Mein Großvater, Jahrgang 1903, war Forstmeister in Eutin. Das Jäger-Biotop, in dem „Der Freischütz“ spielt, ist mir also durchaus vertraut. Und weil die Oper so nah an meiner Familiengeschichte ist, habe ich sie auch als Kind und Jugendlicher immer wieder gesehen.

Eine solche persönliche Nähe ist schön für Sie – aber hilft sie auch beim Inszenieren?

Sie schärft den Blick dafür, dass „Der Freischütz“ eben nicht nur viel mit mir zu tun hat, sondern viel mit unserer Zeit, mit uns allen also.

Nämlich?

Die Grundfrage ist – wie bei jedem Werk: Worum geht es? Und viele werden beim „Freischütz“ darauf antworten mit: Um den Kampf zwischen Gut und Böse. Aber ich glaube, dass dies eben nicht der Kern ist. Es geht um die Angst vor dem Bösen und darum, wie ich mit ihr umgehen kann. Geht man davon aus, sieht man, wie scharf Weber seine Charaktere gezeichnet hat, die da gegen ihre eigene Angst ansingen. Dann erhalten die handelnden Personen aus den Dialogen heraus ihr klares psychologisches Profil. Auch Kasper steht dann nicht für das Prinzip des Bösen, sondern für einen Menschen, der sich von Max um seine Position und seine Liebe betrogen fühlt. Denn ursprünglich war er es wohl, dem Agathe samt Erbförsterei versprochen war. Und nun sinnt er auf Rache, weil ihm ein anderer die Zukunft genommen hat. Wie überhaupt alle Beteiligten um ihre Zukunft ringen und kämpfen. Ännchen projiziert ihre eigenen unerfüllten Wünsche, all ihre Sehnsüchte auf Agathe, der sie mit kaum verhohlenem Neid begegnet. Und die weiß auch nicht, wie es mit ihr und Max weitergehen soll. Der sieht ohnehin schwarz …

Aber wie verträgt sich diese psychologische Logik und Trennschärfe mit den tümelnden Genre-Szenen, dem Jungfern-Kranz oder dem Jägerchor?

Gut – wenn sie nicht tümeln.

Und wie lässt sich das Tümeln vermeiden?

Indem man sie als comic relief sieht, als komödiantische Entlastung, die vor den Momenten größter Dramatik noch einmal die Luft anhält – und so gleichzeitig die Spannung erhöht. Es geht hier nicht darum, eine Idylle auszubreiten. Denn nichts an diesem Stück ist idyllisch.

Immerhin geht es gut aus.

Finden Sie? Ich glaube das nicht. Das Ende, das der Eremit erzwingt, bringt ja keine Lösung, sondern allenfalls Aufschub. Max und Agathe haben ein weiteres Probejahr vor sich. Und ich gebe ihrer Beziehung keine gute Prognose. Immerhin hat er auf sie geschossen. Wie soll sie da je wieder Vertrauen entwickeln, ihn als ihren Beschützer in dieser Männerwelt annehmen?

Neid, Zukunftsangst, Rache – das sind alles ziemlich heutige Themen. Wann spielt Ihr „Freischütz“?

1919 – nach dem Ende des Ersten Weltkriegs.

Warum?

In Rostock habe ich bei meinem ersten „Freischütz“ die Handlung nach dem zweiten Weltkrieg angesetzt, 1946. Denn für die Konstellation des „Freischütz“ ist eine Situation des Umbruchs ungeheuer wichtig. Das hat, denke ich, ziemlich gut funktioniert. Aber das zweite wichtige Triebmittel der Handlung war für diese Zeit doch schwer zu vermitteln.

Und das wäre?

Der Aberglaube. Die Angst vor dem Übersinnlichen. Wir befinden uns bei Carl Maria von Weber in einem winzigen Dorf, offenkundig katholisch, nach dem Ende des 30-jährigen Krieges. Und da kamen im Angesicht der Apokalypse wieder Dinge zum Vorschein, die längst überwunden schienen.

Das ist heute nicht anders …

… ja, man muss nicht sehr fantasiebegabt sein, um die Parallelen zu sehen: Der Rechtsruck in vielen gesichert geglaubten Demokratien, die Frauen- und Fremdenfeindlichkeit, Homophobie, Nationalismus. Das alles hielten wir doch für längst überwunden.

Und warum spielt Ihr „Freischütz“ dann nicht heute?

Weil, ganz vordergründig, der Aberglaube eben heute keine große Rolle mehr spielt. Und, wichtiger noch: Es geht ja nicht darum, einen szenischen Aufsatz über den Zustand der Welt zu schreiben, sondern darum, den Spiegel in Form eines Gleichnisses vorzuhalten.

Und warum funktioniert das nicht am Ende des 30-jährigen Krieges?

Weil uns diese Figuren sehr fremd sind. Die breiten Hüte und komischen Hosen, das sähe doch sehr nach Räuber Hotzenplotz aus. Die Erfahrung lehrt: Mit Personen aus dem 20. Jahrhundert kann man sich noch identifizieren.

Nach einem berühmten Bonmot von Webers nachgeborenem Kollegen Hans Pfitzner ist der eigentliche Hauptdarsteller im Freischütz der deutsche Wald. Sehen wir ihn?

Nein. Unser „Freischütz“ spielt in einem einheitlichen Innenraum, der dennoch in fortwährender Veränderung ist. Ich weiß nicht genau, worauf Pfitzner eigentlich hinauswollte. Denn außer der Wolfsschlucht spielt keine Szene dieser Oper im Wald. Wir spielen in einer Art Riesenschänke, die uns die Möglichkeit gibt, die sozialen Biotope zu zeigen, um deren Mit- und Gegeneinander es eben auch geht in „Der Freischütz“. Ich bin optimistisch, dass wir es gut hinbekommen, diese Oper werktreu zu zeigen und dennoch nicht staubig oder gar tümelnd.

Interview: Peter Korfmacher

„Der Freischütz“ in der Oper Leipzig: Premiere: 4. März, 19 Uhr, Vorstellungen:18. März, 30. April, 10 Juni; Karten (15–78 Euro) gibt’s unter anderem im LVZ Media Store in den Höfen am Brühl, in allen LVZ-Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Tickethotline 0800?2181050 und auf www.lvz-ticket.de, unter Tel. 0341?1261261 oder an der Opernkasse.