Christoph Schwandt (1956-2015)

Am 24. Dezember 2015 verstarb in Würzburg nach kurzer, schwerer Krankheit Christoph Schwandt im Alter von 59 Jahren. Der langjährige Dramaturg (Oldenburger Staatstheater, Bühnen der Stadt Bonn, Theater & Philharmonie Essen, Salzburger Festspiele, zuletzt 2002 bis 2009 Chefdramaturg der Oper Köln) und erstaunlich vielseitige Buch- und Rundfunkautor war 2010 mit der Internationalen Carl-Maria-von-Weber-Gesellschaft in Kontakt getreten und im Jahr darauf ihr Mitglied geworden. Schon zu diesem Zeitpunkt arbeitete er an seinem letzten großen Projekt, der 2014 erschienenen umfangreichen Weber-Biographie, und suchte in diesem Zusammenhang den Austausch, speziell mit den Mitarbeitern der Weber-Gesamtausgabe. Seine Begeisterung, vor allem aber seine ungewöhnliche Akribie und Detailbesessenheit schufen die Grundlage für einen bald schon sehr intensiven, kollegialen und bereichernden Dialog. Christoph Schwandt beobachtete die Aktivitäten der Gesamtausgabe, speziell die „Werkstattarbeit“ auf der Homepage, bezüglich der Edition der Briefe, Tagebücher und Schriften so genau wie wohl kaum ein anderer, und dies keineswegs ausschließlich im eigenen Interesse und bezüglich der eigenen Arbeit. Unermüdlich recherchierte er besonders zu Persönlichkeiten aus dem Umfeld des Komponisten, stellte mit dem sicheren Blick für vage oder widersprüchliche Details immer wieder sehr präzise Fragen, gab Anregungen und legte hin und wieder den Finger auch in offene „Wunden“ – immer freundlich-sachlich, nie belehrend. Die Zusammenarbeit mit ihm war ein gegenseitiges Geben und Nehmen, denn gerne teilte er Neufunde mit und stellte sie der Allgemeinheit zur Verfügung, statt seinen „Wissens-Hort“ eigennützig zu hüten.

Als gleichermaßen musikbegeistertem wie politisch überzeugtem (und aktivem) Intellektuellen war es ihm ein besonderes Anliegen, die nationale, wenn nicht nationalistische Patina, die der Weber-Literatur seit Mitte des 19. Jahrhunderts häufig anhaftet und die selbst noch einige Publikationen des ausgehenden 20. Jahrhunderts prägt, abzutragen, um eine vorurteilsfreie Sicht auf die Persönlichkeit des Komponisten zu erlangen. Schwandt sah in Weber weniger den Nationalkomponisten als vielmehr den international vernetzten Künstler. Sein besonderes Interesse galt der Persönlichkeit in ihrer Zeit – einer äußerst bewegten Epoche des Umbruchs, die Webers Biographie vielfältig prägte (vgl. ausführlich Weberiana 25, S. 155–162). Im Vorfeld der Publikation von Christoph Schwandts Weber-Buch konnten die Weber-Gesellschaft sowie Mitglieder der Familie von Weber mehrere Lesungen, nach Erscheinen des Buches auch Präsentationen vermitteln (u. a. in Eutin, Dresden und Frankfurt), die stets ein begeistertes Publikum fanden (vgl. u. a. Weberiana H. 23, S. 171, H. 24, S. 199–201, H. 25, S. 190, 194f.).

Der viel zu frühe Tod von Christoph Schwandt reißt eine schmerzliche Lücke. Viele Projekte, auch solche zu Weber, waren bereits angestoßen (u. a. eine kommentierte Aufführung und ggf. auch Einspielung von Leyer und Schwert) bzw. in Planung und hätten nicht zuletzt in den Weberiana ihren Niederschlag finden sollen. Die Weber-Gesellschaft und die Mitarbeiter der Weber-Gesamtausgabe haben einen allseits geschätzten, verdienten Mitstreiter verloren. Seine Stimme wird fehlen!

Frank Ziegler